Der Trafikant by Robert Seethaler

Der Trafikant by Robert Seethaler

My rating: 5 of 5 stars


Durch eine Laune des Schicksals aus dem Salzkammergut ins Wien der Jahre 1937 und 1938 verschlagen, trifft Franz auf Otto Trsnjek, den Trafikanten (Betreiber eines Tabakwarenladens / Kiosks), findet mit Anezka die große Liebe und in Gesprächen mit Sigmund Freud heraus, daß er, Franz, nichts weiß und die Welt verrückt (und manchmal ziemlich unfair bis grausam) ist.

Franz ist ein netter Bauernbursche – respektvoll, freundlich und (scheinbar?) etwas “einfach gestrickt”. Der See bei seinem Heimatdorf und dessen mit den Jahreszeiten wechselnde Farbe ist bis zu Franz’ Aufbruch nach Wien sein größtes Interesse – von der Welt-Politik ist er weitgehend “unbehelligt” und Zeitungen werden von ihm zu eher “periphären” Zwecken genutzt:

“Hin und wieder hatte Franz vor dem Abwischen eine Überschrift, ein paar Zeilen oder vielleicht sogar einen halben Absatz gelesen, ohne daraus allerdings jemals einen sonderlichen Nutzen zu ziehen.”

Aus diesem amüsanten Versatzstück sollte man jetzt jedoch nicht schlußfolgern, daß das gesamte Buch nur nettes Geplänkel ist: Wir befinden uns in 1937 und damit der dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert und “Der Trafikant” schildert dies aus der Sicht Franz’, der ein feines Empfinden für Recht, Gerechtigkeit und ein respektvolles Miteinander besitzt.

Otto Trsnjek, sein Lehrmeister auch in ethischen Fragen, ahnt schon sehr klarsichtig, was noch passieren wird:

“»Bis jetzt ist nur das Geschäft eines Trafikanten besudelt worden. Aber hier und heute frage ich euch: Was oder wer kommt als Nächstes dran?«”

Ein Mensch wie Franz kann, ja, er muß in Konflikt mit der Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung geraten, die er in seinem Umfeld einerseits an Otto Trsnjek, aber auch an Freud, buchstäblich hautnah erlebt. Nun könnte man meinen, Franz werde sich zurückziehen, vielleicht in die innere Emigration, genau das aber tut er nicht.

Franz allein kann die Welt nicht verändern, so glaubt er, und wählt daher den Weg des “zivilen Ungehorsams”, der Widerständigkeit ohne Teil des organisierten Widerstandes zu sein.

Allein diese Geschichte erzählt zu haben, wäre bereits verdienstvoll und auch und gerade heute wichtig. Tut man das aber dann auch noch mit der wunderbaren Sprache, derer sich Seethaler wie nur wenige andere zu bedienen weiß, wird die Lektüre für den Leser zum absoluten Hochgenuß:

“Franz spürte einen merkwürdigen Stolz in sich aufsteigen, der irgendwo hinter seiner Stirn zerplatzte und wie ein warmer Schauer in seinen Kopf hineinrieselte.”

Als ich diesen Satz las, war das wie eine warme sprachliche Dusche; er evozierte Gedanken an ein Feuerwerk, das am Himmel explodiert und dessen Explosionsspuren herabsinken – ganz wundervoll!

Nimmt man dann noch Franz’ persönliche Liebesgeschichte – völlig frei Kitschigkeit, glaubwürdig und in ihrer Kompliziertheit so wahrhaftig – hinzu, so weiß man erst in seiner Gesamtheit diesen wunderbaren Roman wirklich zu würdigen.

Man leidet mit dem jungen Mann mit, wenn sein “böhmisches Mädchen”, seine “runde, böhmische Königin” plötzlich und unerwartet einfach mal wieder verschwindet:

“Nachdem es geschehen war und er wie ein Häuflein Glück auf dem Rücken neben ihr lag, stellte er sich vor, wie er am nächsten Morgen, gleich nach dem Aufstehen, um ihre Hand anhalten würde. Aber als er aufwachte, war sie weg.”

Selten wurde es so schön beschrieben und waren Glück und Unglück so nah bei einander.

An vielen Stellen jedoch zeigt sich in sprachlich ergreifendster Weise die innere Spannung dieses Menschen, der doch eigentlich nichts als leben und leben lassen möchte, der sein Mädchen lieben und ganz einfach sein möchte, es aber doch nicht sein kann, weil seine eigene Menschlichkeit und Anständigkeit dies nicht zulassen.

Dieses Buch kann nicht gut enden, aber es endet plausibel. Gerade in unserer Zeit muß man dieses großartige Buch beinahe schon lesen, aber es ist auch ein unglaubliches Erlebnis, das sich niemand verwehren sollte.



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